Warum wir jungen Menschen mehr zutrauen sollten.
In meiner Arbeit als Mentalcoach begleite ich immer wieder junge Menschen zwischen ungefähr 16 und Anfang 20. Ich finde dieses Alter unglaublich spannend. Es ist eine Phase, in der sich sehr viel entwickelt. Die eigene Persönlichkeit wird klarer, Entscheidungen bekommen mehr Gewicht und gleichzeitig entstehen viele Fragen über die eigene Zukunft, Beziehungen, Gesundheit, Leistung und darüber, wie man das eigene Leben gestalten möchte.
Was mir dabei immer wieder auffällt: Viele junge Menschen reflektieren sehr stark. Sie übernehmen Dinge nicht einfach ungefragt, sondern möchten verstehen, warum etwas so ist. Sie hinterfragen ihre Eltern, gesellschaftliche Erwartungen, ihre eigene Rolle und bestehende Vorstellungen von Erfolg. Diese Generation wächst unter ganz anderen Voraussetzungen auf als noch meine Generation. Smartphones, Social Media und der permanente Zugang zu Informationen gehören selbstverständlich zum Alltag. Junge Menschen sehen andere Lebensmodelle, andere Kulturen und andere Vorstellungen von Arbeit und Erfolg. Sie bekommen gesellschaftliche Veränderungen und globale Ereignisse beinahe in Echtzeit mit. Das kann Druck erzeugen, erweitert aber gleichzeitig auch den Horizont enorm.
Vielleicht liegt genau dort ein Punkt, den wir Erwachsenen manchmal unterschätzen. Wir vergleichen junge Menschen sehr schnell mit unserer eigenen Vergangenheit. Wir sagen, wie wir früher gearbeitet haben, wie wir mit Druck umgegangen sind oder was bei uns funktioniert hat. Daraus entsteht schnell die Erwartung, dass die nächste Generation es genauso machen sollte. Doch die Voraussetzungen sind heute andere.
Ein Beispiel ist der Fitnessbereich. Früher eignete sich ein Fitnesstrainer sein Fachwissen an und vermittelte dieses seinen Kunden. Heute kann sich jeder innerhalb weniger Sekunden Trainingspläne erstellen lassen, Videos anschauen oder über künstliche Intelligenz Informationen abrufen. Ein junger Fitnesstrainer weiss das natürlich auch. Vielleicht entsteht dadurch der Anspruch, noch mehr bieten zu müssen. Er will individuell sein, besser vorbereitet sein und jedem gerecht werden. Das erzeugt Druck.
Wenn dieser junge Mensch nach mehreren intensiven Sessions erschöpft ist, kommt vielleicht schnell der Kommentar: «Der ist aber nicht besonders belastbar.» Doch vielleicht wäre die spannendere Frage: Was genau macht ihn eigentlich so müde?
Ich habe das Gefühl, dass wir in unserer Gesellschaft generell sehr schnell bewerten. Wir bewerten, wie andere arbeiten, wie sie leben, wie sie denken und wie sie mit Herausforderungen umgehen. Gerade im Umgang mit jungen Menschen wird das sichtbar. Wenn jemand andere Prioritäten setzt, Dinge hinterfragt oder offen über Stress und Belastung spricht, wird daraus schnell ein Urteil: zu sensibel, zu wenig belastbar, zu wenig leistungsbereit.
Vielleicht stimmt dieses Urteil manchmal. Vielleicht aber auch überhaupt nicht. Wenn wir bereits bewerten, bevor wir wirklich zugehört haben, nehmen wir uns die Möglichkeit, etwas Neues zu verstehen.
Dabei möchte ich eines klar sagen: Ich glaube nicht, dass Entwicklung ohne Leistung funktioniert. Wer besser werden möchte, muss etwas investieren. Wer im Sport auf höchstem Niveau spielen möchte, muss trainieren. Wer beruflich etwas aufbauen möchte, braucht Ausdauer, Disziplin und die Bereitschaft, auch durch schwierige Phasen zu gehen. Mentale Stärke bedeutet für mich nicht, Belastung zu vermeiden. Sie bedeutet, besser mit Belastung umgehen zu lernen.
Genau das erlebe ich bei vielen jungen Athletinnen und Athleten. Sie wollen leistungsfähig sein, gewinnen und sich entwickeln. Gleichzeitig beschäftigen sie sich viel bewusster mit Schlaf, Regeneration, mentaler Gesundheit oder Meditation. Für mich ist das keine Schwäche. Es zeigt vielmehr, dass Leistung heute teilweise ganzheitlicher betrachtet wird.
Ich erlebe 17- oder 18-Jährige, die sehr differenziert darüber sprechen können, was ihnen Energie gibt, was sie stresst und woran sie mental arbeiten möchten. In meiner eigenen Zeit als junger Profisportler waren viele dieser Themen deutlich weniger präsent. Das beeindruckt mich.
Genau deshalb glaube ich, dass sich unsere Rolle als Erwachsene ein Stück weit verändern darf. Wir müssen nicht immer sofort erklären, wie etwas funktioniert. Wir können unsere Erfahrung anbieten, aber sie sollte nicht automatisch zur einzig richtigen Antwort werden. Wenn ein junger Mensch etwas hinterfragt, kann das unbequem sein. Denn Fragen zwingen auch uns dazu, unsere eigenen Überzeugungen zu überprüfen.
Wenn die einzige Antwort lautet: «Das haben wir früher auch so gemacht», dann reicht das oft nicht aus. Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit. Wir leben im Heute und sollten junge Menschen auf eine Zukunft vorbereiten, die nochmals anders aussehen wird. Und diese Zukunft gehört nun einmal ihnen.
Diese Erfahrung mache ich auch in unserem Schulprojekt «Kopf klar. Du stark.». Dort arbeiten wir mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe. Für mich funktioniert dabei eines besonders gut: Begegnung auf Augenhöhe. Wir sagen nicht einfach, wie sie denken oder sich verhalten sollen. Wir stellen Fragen, hören zu und lassen sie eigene Erfahrungen machen.
Gerade bei Übungen wie Meditation finde ich das immer wieder faszinierend. Jugendliche können sich teilweise erstaunlich schnell darauf einlassen. Sie legen sich hin, hören zu und merken, dass es ihnen guttut, für einen Moment nichts leisten zu müssen. Sie nehmen ihren Körper wahr und spüren bewusster, wie sich Ruhe eigentlich anfühlt. Nicht weil wir ihnen etwas vorgeschrieben haben, sondern weil wir ihnen den Raum gegeben haben, selbst etwas zu entdecken.
Wenn wir jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen, passiert etwas Spannendes. Sie erzählen mehr, formulieren eigene Gedanken und merken, dass ihre Meinung ernst genommen wird. Genau dadurch entsteht Selbstvertrauen.
Natürlich brauchen junge Menschen Orientierung. Sie brauchen Werkzeuge, Erfahrungen und auch Grenzen. Wir können erklären, wie Resilienz entsteht, weshalb Entwicklung häufig ausserhalb der Komfortzone stattfindet oder wie Atmung, Fokus und Selbstgespräche helfen können. Aber die Antworten müssen am Ende trotzdem ihre eigenen werden.
Eigenverantwortung entsteht nicht dadurch, dass wir einem jungen Menschen jede Entscheidung abnehmen. Sie entsteht, wenn wir ihm zutrauen, selbst nachzudenken.
Ich habe aus Gesprächen mit jungen Menschen in den vergangenen Jahren unglaublich viel gelernt. Neue Perspektiven, andere Ideen und manchmal auch eine andere Sicht auf Dinge, die für mich lange selbstverständlich waren. Vielleicht sollten wir deshalb etwas weniger vergleichen. Etwas weniger bewerten. Etwas weniger in der Vergangenheit leben.
Und stattdessen häufiger zuhören.
Denn wenn wir wirklich bereit sind, junge Menschen ernst zu nehmen, können beide Seiten wachsen. Die Jungen durch unsere Erfahrung. Und wir durch ihre Perspektive.
Bevor ihr bewertet, was ich hier geschrieben habe, oder euch bereits eine Meinung dazu bildet: Probiert es einfach einmal aus. Hört jungen Menschen zu und stellt Fragen.