Was macht einen wirklich guten Leader aus? Leadership ist ein Thema, das mich durch meine zwölf Jahre als Eishockeyprofi immer begleitet hat und das heute als Mentalcoach weiterhin tut. Besonders im Sport wird schnell sichtbar, was gute oder schlechte Führung ausmacht. Warum? Weil im Sport klare Regeln gelten, weil es um Resultate geht und weil am Ende die Leistung auf dem Eis oder dem Spielfeld den Unterschied macht.
Ein langfristig erfolgreicher Klub ist für mich immer ein Zeichen von guter Führung, und das zieht sich durch die gesamte Organisation. Vom Präsidenten über den Sportchef bis zum Trainerteam, dem Team selbst und sogar in den Nachwuchs und ins Büro. Wer dort klare Ideen und eine Strategie verfolgt und es schafft, diese auch über alle Ebenen hinweg zu transportieren, hat eine deutlich höhere Chance auf Erfolg.
Wenn man im Sport über Leadership spricht, denkt man oft zuerst an den Coach. In meinen zwölf Jahren als Profi habe ich viele unterschiedliche Führungsstile erlebt, und es war spannend zu beobachten, wie sich dieser Stil mit der Zeit verändert hat. Als ich 2009 in die National League kam, war Doug Shedden mein erster Headcoach. Ein klassischer Old-School-Kanadier: direkt, hart und ehrlich. Die taktische Verantwortung lag grösstenteils beim Assistenztrainer, präsentiert wurde sie uns jedoch von Doug Shedden – mit einer selbstsicheren und überzeugenden Aura, wie ich sie danach nie mehr erlebt habe. Jeder wusste, wo er steht, was von ihm erwartet wird und welche Rolle er zu erfüllen hat. Für gewisse Spielertypen war das perfekt: direkte Ansagen, klare Rollen, keine Diskussionen. Andere hingegen taten sich mit seiner direkten Art schwer, vor allem sensiblere Spieler, wenn es um Kritik ging.
Denn jeder Spieler hat einen eigenen Charakter und nicht jeder kommt mit so einer direkten Art klar. Und wenn ein Coach das nicht beachtet, holt er nicht das Beste aus jedem Einzelnen heraus. Im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, dass sich genau hier enorm viel verändert hat. Heute sieht man kaum noch diese klassischen Old-School-Coaches an der Bande. Die meisten sind empathischer geworden, bringen mehr pädagogisches und psychologisches Verständnis mit und gehen viel gezielter auf die Charaktere der Spieler ein. Ein gutes Beispiel dafür ist Antti Törmänen, unter dem ich rund zehn Jahre später in Biel spielen durfte. Er hat es verstanden, die individuellen Stärken seiner Spieler zu erkennen und gezielt einzusetzen. Jeder hatte das Gefühl, mit seinen eigenen Qualitäten einen Mehrwert fürs Team zu bringen. Und genau das hat sich auch auf die Leistung ausgewirkt. Denn wer spürt, dass er wichtig ist, wächst an dieser Rolle. Diese Entwicklung zeigt für mich eindrücklich, wie sehr sich Leadership verändert hat – und wie wertvoll das auch fürs Business ist. Führung bedeutet heute nicht mehr nur Ansagen machen, sondern Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und ihre Stärken zu fördern.
Für mich, auch als Mentalcoach, geht Leadership aber noch einen Schritt weiter. Denn wirklich gute Leader zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie andere führen können, sondern vor allem auch dadurch, dass sie sich selbst führen. Wer Verantwortung übernehmen will, muss zuerst bei sich selbst anfangen. Leadership bedeutet für mich deshalb auch immer Selbstreflexion. Die Bereitschaft, sich mit den eigenen Gedanken, Emotionen und Mustern auseinanderzusetzen. Nur wer sich selbst gut kennt und steuern kann, ist in der Lage, in entscheidenden Momenten Ruhe auszustrahlen und gute Entscheidungen zu treffen. Gerade im Spitzensport, aber auch in der Business-Welt, geht es oft darum, in Drucksituationen einen klaren Kopf zu bewahren und gleichzeitig mit den eigenen Emotionen gesund umzugehen. Diese innere Stärke und Ruhe sind aus meiner Sicht essenziell. Und sie entsteht nicht einfach so, sondern durch kontinuierliche Arbeit an sich selbst.
Wer das schafft, strahlt genau diese innere Stärke und Reflektiertheit aus – und das überträgt sich automatisch auf die Menschen, die man führt.
Zum Schluss ist mir wichtig zu betonen, dass Leadership nicht bedeutet, mit jedem eine enge persönliche Beziehung aufzubauen. Gerade in einer Führungsposition braucht es auch eine gewisse professionelle Distanz, und die ist völlig legitim und wichtig. Doch trotz dieser Distanz geht es darum, achtsam zu sein im Umgang mit den Menschen, die man führt. Gute Leader erkennen, was ihr Team braucht, schaffen Vertrauen, geben Orientierung, aber auch genügend Freiraum, ohne dabei die Grenze zur Freundschaft zu überschreiten.
Für mich ist genau diese Balance entscheidend: Zuerst kommt die Selbstreflexion – also die eigene Entwicklung. Erst danach kann echtes Führen gelingen. Nur so kann man empathisch führen, klare Werte vorleben und gleichzeitig professionell bleiben. Wer das schafft, hat nicht nur die Chance, im Sport als Leader erfolgreich zu sein, sondern auch in jeder Führungsrolle im Berufsleben.
Bist du als Leader mehr mit Führen beschäftigt oder mit deiner eigenen Entwicklung?
Aus meiner Erfahrung überwiegt oft der Fokus aufs Führen, nicht auf die eigene Entwicklung…leider!