Eltern: Die ersten Mentalcoaches ihrer Kinder

In den letzten Jahren durfte ich viele Jugendliche begleiten. Gleichzeitig arbeite ich immer wieder mit ihren Eltern zusammen. Dabei fällt mir etwas auf, das mich beschäftigt. Eltern sein ist heute anspruchsvoller denn je. Nicht, weil Kinder schwieriger geworden sind, sondern weil unser Wissen enorm gewachsen ist. Wir wissen heute unglaublich viel über Psychologie, Gehirnentwicklung, Ernährung, Pädagogik und Kommunikation. Gleichzeitig stehen uns unzählige Bücher, Podcasts, Videos und Expertenmeinungen zur Verfügung. Informationen gibt es überall. Eigentlich müsste das Elternsein dadurch einfacher werden. Ich habe jedoch oft das Gefühl, dass genau das Gegenteil passiert.

Mit dem Wissen wachsen nämlich auch die Erwartungen an uns selbst. Unsere Generation reflektiert viel stärker als frühere Generationen. Wir möchten aus den Erfahrungen unserer eigenen Kindheit lernen, Fehler vermeiden und unseren Kindern die bestmöglichen Voraussetzungen fürs Leben mitgeben. Das ist wunderschön.

Genau darin liegt aus meiner Sicht aber auch eine Gefahr. Ich spüre bei vielen Eltern einen enormen Druck – den Druck, alles richtig machen zu wollen. Dieser entsteht nicht, weil sie überfordert sind, sondern weil sie ihre Rolle unglaublich ernst nehmen. Stress entwickelt sich selten einfach so. Er entsteht häufig dann, wenn wir glauben, etwas perfekt machen zu müssen, gleichzeitig aber nicht genau wissen, wie. Genau das beobachte ich immer wieder. Viele Eltern haben das Gefühl, sie müssten für jede Situation die richtige Antwort kennen. Sie möchten ihrem Kind helfen, jede Herausforderung lösen und verhindern, dass es ihm schlecht geht. Doch genau hier beginnt aus meiner Sicht ein spannender Gedanke.

Sobald sich unser Fokus fast ausschliesslich auf unser Kind richtet, nehmen wir jede noch so kleine Herausforderung wahr. Aus Liebe möchten wir sofort helfen. Dahinter steckt oft der Wunsch, unser Kind vor Frust, Enttäuschung oder Unsicherheit zu bewahren. Gleichzeitig identifizieren wir uns so stark mit den Emotionen unseres Kindes, dass wir möchten, dass möglichst schnell wieder alles gut ist. Dabei gehören genau diese Erfahrungen zum Aufwachsen dazu. Der Umgang mit Rückschlägen, Frust und Traurigkeit stärkt Resilienz, Selbstvertrauen und Eigenverantwortung. Somit nehmen wir unseren Kindern oft etwas sehr Wertvolles: die Möglichkeit, selbst nach Lösungen zu suchen, ihre eigenen Stärken einzusetzen und Herausforderungen anzunehmen, anstatt ihnen auszuweichen.

Vielleicht hört man genau deshalb heute immer häufiger, Kinder seien weniger resilient. Zumindest nehme ich diese Aussage in meinem Umfeld regelmässig wahr. Ich glaube allerdings nicht, dass Kinder schwächer geworden sind. Vielmehr erhalten sie immer seltener die Gelegenheit, ihre eigene Stärke wirklich zu entdecken. Resilienz entsteht nämlich nicht dadurch, dass uns Probleme erspart bleiben. Sie entsteht, wenn wir lernen, mit Herausforderungen umzugehen, sie anzunehmen und Schritt für Schritt eigene Lösungen zu entwickeln.

Eine gesunde Balance entsteht dann, wenn Eltern ihren Fokus nicht ausschliesslich auf ihr Kind richten, sondern sich bewusst auch wieder Zeit für sich selbst nehmen. Kinder spüren nicht nur, was wir sagen, sie spüren vor allem, wie wir leben. Sie merken, ob wir gestresst sind, ob wir mit unseren Gedanken ständig beschäftigt sind, ob wir uns selbst unter Druck setzen oder ob wir Herausforderungen ruhig, gelassen und authentisch begegnen. Für mich beginnt gutes Leadership deshalb immer bei uns selbst. Und genau das ist Elternsein für mich auch: Leadership.

Deshalb glaube ich auch, dass vielen Eltern heute nicht Liebe fehlt. Was häufig fehlt, ist eine gewisse Kompetenz im Bereich der mentalen Gesundheit. Das ist überhaupt kein Vorwurf. Niemand erwartet von Eltern, automatisch zu wissen, wie Gedanken funktionieren, wie Stress entsteht oder wie Kommunikation die Entwicklung eines Kindes beeinflusst. Diese Kompetenz darf man lernen. So wie man Autofahren lernt. Oder eine Sprache. Oder einen Beruf.

Ich wünsche mir deshalb, dass Eltern den Mut haben, sich genau in diesen Bereichen weiterzuentwickeln. Zu verstehen, wie Kommunikation funktioniert, wie man Kinder stärkenorientiert begleitet, wie Gedanken unsere Emotionen beeinflussen oder wie man Entspannung bewusst fördern kann. Meditation, Atemtechniken oder ein gesundes Mindset sind für mich keine Trends, sondern Werkzeuge. Werkzeuge, die Eltern zuerst selbst kennenlernen und leben dürfen, bevor sie sie an ihre Kinder weitergeben. Denn genau darin liegt aus meiner Sicht der entscheidende Unterschied. Nicht jedes Problem für das Kind zu lösen, sondern ihm vorzuleben, wie man Herausforderungen begegnet und eigene Lösungen findet. Gleichzeitig gehört für mich auch die Offenheit dazu, vom Kind zu lernen. Denn Entwicklung findet nicht nur beim Kind statt – sie findet genauso bei den Eltern statt.

Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken mitgeben, der vielleicht überraschend klingt.

So wichtig Eltern auch sind – irgendwann sind sie es nicht mehr. Irgendwann wird jedes Kind erwachsen. Irgendwann entscheidet jeder Mensch selbst, wie er denkt, wie er lebt und wie er mit Herausforderungen umgeht. Irgendwann übernimmt jeder Mensch Verantwortung für sein eigenes Wohlbefinden. Genau deshalb geht es gar nicht darum, perfekte Eltern zu sein. Es geht vielmehr darum, den Kindern möglichst viele gute Werkzeuge mitzugeben. Werkzeuge, die ihnen helfen, sich selbst zu verstehen, ihre Gedanken zu ordnen, mit Druck umzugehen, ihre Stärken zu erkennen und ihren eigenen Weg zu finden. Wenn Eltern diese Werkzeuge selbst leben, werden sie authentisch.

Und genau das spüren Kinder.

Nicht Perfektion.

Sondern Echtheit.

Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe von Eltern deshalb gar nicht darin, alle Antworten zu kennen.

Vielleicht besteht sie vielmehr darin, ihren Kindern vorzuleben, wie persönliche Entwicklung funktioniert. Für mich sind sie deshalb die ersten Mentalcoaches im Leben eines Kindes.

Eltern als erste Mentalcoaches ihrer Kinder – mentale Gesundheit, Resilienz und Eigenverantwortung im Familienalltag.
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