Eigenverantwortung: Was mir der Sport beigebracht hat

Als junger Eishockeyspieler war ich oft mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Druck, Erwartungen, Konkurrenz, Bewertungen, all das gehörte zum Alltag. Damals fühlte sich vieles schwer an. Ich war oft gestresst, teilweise hilflos und wusste nicht, wie ich mit dem umgehen sollte, was in mir und um mich herum passierte. Heute weiss ich: Der Sport hat mir schon früh unglaublich viele Zeichen gesendet. Ich war einfach noch nicht reif genug, sie zu verstehen.

Rückblickend erkenne ich, dass der Sport für mich eine Lebensschule war. Eine sehr ehrliche, manchmal gnadenlose, aber unglaublich wertvolle Schule. Doch diese Erkenntnis kam nicht sofort. Sie kam erst mit der Zeit, mit Reflexion und mit dem Mut, hinzuschauen. Erst als ich begann, mich selbst ernsthaft zu beobachten, zu hinterfragen und Verantwortung für mich zu übernehmen, verstand ich, was mir dieser Weg eigentlich zeigen wollte.

Heute, als Mentalcoach, sehe ich viele Parallelen zwischen meiner eigenen Geschichte und den Menschen, die ich begleite. Besonders hier in der Schweiz fällt mir immer wieder auf, wie stark wir dazu neigen, nach links und rechts zu schauen. Wir vergleichen uns ständig. Mit Teamkollegen, mit Arbeitskollegen, mit anderen Familien, mit anderen Karrieren. Dieser permanente Vergleich führt oft zu Perfektionismus, zu einem sehr strengen Umgang mit uns selbst und zu enorm hohen Erwartungen. Wir wollen alles richtig machen. Wir wollen funktionieren. Wir wollen niemanden enttäuschen.

Diese Haltung ist kein Zufall. Sie ist tief in unserer Erziehung, im Schulsystem, im Sport und in der Berufswelt verankert. Von klein auf lernen wir, bewertet zu werden. Noten, Selektionen, Feedbackgespräche, Leistungsziele. Was wir dabei kaum lernen, ist etwas anderes:

Wie gehe ich mit mir selbst um?
Wie ordne ich meine Gedanken?
Wie bleibe ich ruhig, wenn es eng wird?
Wie übernehme ich Verantwortung für das, was in meinem Kopf passiert?

In meinen Coachings erlebe ich immer wieder Menschen, die unglaublich leistungsfähig sind und gleichzeitig innerlich unter Druck stehen. Viele sind kopflastig, gedanklich ständig beschäftigt, selten wirklich im Moment. Sie funktionieren, aber sie spüren sich kaum noch. Emotionen wie Stress, Unsicherheit oder Überforderung werden dann oft als Problem wahrgenommen. Doch in Wahrheit sind Emotionen meist nur das Resultat dessen, was vorher passiert: unsere Gedanken.

Mentale Stärke beginnt nicht bei den Emotionen, sie beginnt im Kopf. Bei dem, was wir denken, wie wir denken und ob wir überhaupt merken, was in uns abläuft. Genau das lernen wir jedoch kaum. Wir lernen, Leistung zu bringen. Wir lernen, durchzuhalten. Aber wir lernen nicht, wie wir Abstand zu unseren Gedanken gewinnen können. Wie wir Ruhe und Gelassenheit entwickeln. Wie wir im Moment präsent sind, bereit für das, was kommt, statt ständig im Kopf schon zehn Schritte weiter zu sein.

Für mich ist genau das der Kern von Eigenverantwortung. Verantwortung zu übernehmen für den eigenen inneren Zustand. Zu erkennen: Ich bin meinen Gedanken nicht ausgeliefert. Ich kann lernen, sie zu ordnen, zu lenken, auch mal loszulassen. Und ich kann lernen, mir selbst mit mehr Klarheit und Ruhe zu begegnen. In dieser Ruhe entsteht Qualität, in der Leistung, im Entscheidungsverhalten, im Umgang mit anderen und mit mir selbst.

Diese Erkenntnisse kamen bei mir nicht über Nacht. Ich musste sie mir erarbeiten. Durch Erfahrungen im Leistungssport, durch Rückschläge, durch Reflexion und später durch gezieltes psychologisches Wissen. Gegen Ende meiner Karriere begann ich, all das bewusst anzuwenden und erlebte, wie sich nicht nur meine Leistung, sondern mein gesamtes Erleben veränderte. Diese innere Arbeit hat mich auch nach dem Sport getragen: in die Businesswelt, in neue Rollen, in die Selbstständigkeit.

Denn auch dieser Schritt war ein Akt von Eigenverantwortung. Die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Nicht darauf zu warten, dass jemand anderes entscheidet, sondern mir selbst zu vertrauen. Und genau hier schliesst sich der Kreis zu dem, was mir der Sport letztlich beigebracht hat.

Die wichtigste Erkenntnis aus all diesen Jahren ist für mich diese:
Die Antworten liegen immer in mir selbst. Mein wichtigstes Commitment gilt nicht einer Rolle, einem System oder einer Erwartung, sondern mir selbst. Mich ernst zu nehmen. Mich um mich selbst zu kümmern. Verantwortung für mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln zu übernehmen.

Heute gebe ich genau das weiter. An junge Sportlerinnen und Sportler, die früh lernen dürfen, was ich erst später verstanden habe. An Menschen aus der Businesswelt, die vielleicht nie in dieser sportlichen Intensität gefordert wurden, aber genau dort enorme Entwicklungsschritte machen können. Der Sport ist eine Lebensschule. Was du dort lernst, gilt für das ganze Leben.

Eigenverantwortung ist keine Last. Sie ist Freiheit.
Und sie beginnt genau hier bei dir.

Eigenverantwortung: was mir der Sport gelehrt hat
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