In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über das Thema Eigenverantwortung geschrieben. Darüber, wie wir geprägt werden, durch unsere Erziehung, das Schulsystem, den Sport, die Lehre und die Berufswelt. Durch Erwartungen, Rollenbilder und die ständige Bewertung von aussen.
Wir lernen früh, uns anzupassen, Leistung zu bringen und zu funktionieren. Wir lernen, was richtig und falsch ist, was erwartet wird und wie wir sein sollten. Aber wir lernen oft nicht, mit uns selbst umzugehen. Genau dort beginnt aus meiner Sicht einer der grössten und gleichzeitig unsichtbarsten Gegner: wir selbst. Oder besser gesagt: unsere Gedanken.
Denn wenn wir Schwierigkeiten erleben, suchen wir die Ursache meist im Aussen. Wir glauben, der Druck komme vom Chef, vom Trainer, von den Eltern, vom Partner oder von der Gesellschaft. Und ja, all diese Dinge haben einen Einfluss auf uns. Aber oft ist nicht die Herausforderung selbst das grösste Problem, sondern das, was wir daraus in unserem Kopf machen. Die Art, wie wir mit uns sprechen, wie wir uns bewerten und wie wir uns selbst behandeln.
Ich kenne das sehr gut aus meiner Zeit als Eishockeyprofi. Es gab immer wieder Situationen, in denen ich auf dem Eis eine grosse Chance hatte. Eine klassische Zwei-gegen-Eins-Situation. Im Training funktionierte das oft. Ich war technisch und läuferisch gut genug, dass 60 bis 80 Prozent dieser Situationen erfolgreich waren. Der Pass kam an, mein Mitspieler traf.
Im Spiel ist so eine Chance selten. Und wenn sie kommt, willst du sie nutzen.
Ich erinnere mich an eine konkrete Situation. Ich spielte den Pass und er kam nicht an. Die Chance war weg. Ich fuhr direkt auf die Spielerbank zurück. Im Eishockey hast du danach ungefähr zwei bis zweieinhalb Minuten Zeit, bis du wieder aufs Eis gehst. Genau in diesen zweieinhalb Minuten ist bei mir früher unglaublich viel passiert. Ich war frustriert, enttäuscht und wütend auf mich selbst.
Dann begann dieses innere Gespräch:
„Was bist du für ein Versager? Jetzt hast du endlich mal so eine Chance und versaust sie auch noch. Du machst zu wenig Punkte. Der Coach wird dir wieder nicht vertrauen. Vielleicht spielst du bald weniger. Vielleicht bekommst du am Ende der Saison keinen Vertrag mehr usw.“
In zweieinhalb Minuten machte ich aus einer einzelnen Aktion ein komplettes Katastrophenszenario.
Nicht der misslungene Pass war das Problem, sondern das, was danach in meinem Kopf passierte. Ich machte mich selbst fertig. Das Verrückte ist: Genau gleich habe ich auch privat gedacht. Wenn etwas nicht funktioniert hat, wenn ich kritisiert wurde oder mich unsicher fühlte, wurde aus einem kleinen Problem schnell ein riesiges. Ich dachte negativ, machte alles schlimmer und zog mich selber immer weiter nach unten.
Heute weiss ich: Ich habe mir dieses Denken über viele Jahre antrainiert, oder besser gesagt: konditioniert. Irgendwo in meiner Kindheit hat das begonnen. Irgendwo habe ich gelernt, besonders streng mit mir zu sein, perfekt sein zu wollen und mich über Leistung zu definieren.
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Deshalb finde ich es wichtig, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Nicht, um die Vergangenheit bis ins letzte Detail auseinanderzunehmen. Ich bin kein Fan davon, alles endlos zu analysieren oder jedes Thema unnötig kompliziert zu machen. Ich arbeite in meinem Mentalcoaching sehr handlungs- und lösungsorientiert. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist zu verstehen, woher gewisse Gedanken und Verhaltensmuster kommen.
Verständnis schafft Bewusstsein. Und Bewusstsein ist die Grundlage für Veränderung. Denn erst wenn ich erkenne, warum ich so mit mir rede, kann ich beginnen, anders mit mir umzugehen. Ich habe viele Jahre an diesem Thema gearbeitet. Mit einem Mentalcoach, durch mein Psychologiestudium, durch Bücher, Erfahrungen, Meditation, wissenschaftliche Ansätze, aber auch durch Inspiration aus der östlichen Kultur. Ich habe versucht, überall etwas mitzunehmen, das für mich Sinn macht.
Irgendwann hat sich etwas verändert.
Die gleiche Situation auf dem Eis. Wieder eine verpasste Chance. Wieder zurück auf die Spielerbank. Aber diesmal lief das innere Gespräch anders ab. Ich kam auf die Bank und hatte nicht mehr zweieinhalb Minuten lang Selbstzweifel und Selbsterniedrigung in meinem Kopf. Ich brauchte vielleicht noch zehn Sekunden. Zehn Sekunden, in denen ich dachte:
„Okay. Der Verteidiger hat das gut gemacht. Vielleicht hätte ich einen Moment länger warten können. Der Torwart war schon unten. Ich habe einen guten Schuss. Nächstes Mal ziehe ich selber ab, oben in die nahe Ecke. Ich kann das. Weiter geht’s.“
Danach war ich wieder bereit, bereit für den nächsten Einsatz. Mein Fokus war zurück, genauso wie mein Selbstvertrauen. Ich konnte noch einen Schluck trinken, kurz durchatmen, mich sammeln und voller Energie wieder aufs Eis gehen.
Die Situation war genau gleich. Aber mein Umgang damit war komplett anders. Früher habe ich Energie verloren, heute gibt mir mein Denken Energie zurück. Genau das ist für eine mentale Stärke.
Nicht, dass man nie zweifelt. Nicht, dass man immer positiv denkt. Nicht, dass man Emotionen unterdrückt oder Mauern aufbaut. Im Gegenteil. Ich bin ein emotionaler Mensch. Ich kann mich unglaublich freuen. Ich kann begeistert sein. Ich kann aber auch traurig, enttäuscht oder frustriert sein. Ich glaube nicht daran, Emotionen wegzudrücken. Ich glaube daran, bewusster mit ihnen umzugehen. Zu merken, was gerade passiert, welche Gedanken auftauchen und zu entscheiden, ob diese Gedanken mir helfen, oder mich blockieren.
Der unsichtbare Gegner entsteht in unserem Kopf.
Wichtig: Jeder Mensch funktioniert anders. Ich vergleiche es oft mit einem klassischen mechanischen Schweizer Uhrwerk: Viele kleine Teile haben ihre ganz eigene Funktion und ergeben am Ende als Ganzes ein präzises System. Wenn eines dieser kleinen Teile seine Aufgabe nicht mehr richtig erfüllt, bricht nicht gleich das ganze Uhrwerk zusammen. Dann geht man zu jemandem, der die passenden Werkzeuge und das nötige Verständnis hat. Oft reicht eine kleine Anpassung, und plötzlich funktioniert wieder alles. Genauso ist es auch bei uns Menschen. Jeder trägt sein ganz eigenes Uhrwerk in sich. In diesem Blog habe ich dir lediglich einen Einblick in mein eigenes Uhrwerk gegeben. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch gleich funktioniert oder dass es in meinen Coachings um mich geht.
Im Gegenteil: Dort geht es um dein Uhrwerk, deine Gedanken, deine Erfahrungen und darum, gemeinsam herauszufinden, was dir hilft.
Aber für uns alle gilt dasselbe: Es ist unsere Entscheidung, ob diese Stimme in uns ein unsichtbarer Gegner ist oder zu unserem grössten Mentor, Versteher und Förderer wird. Vielleicht ist dieser vermeintliche Gegner am Ende gar kein Gegner. Vielleicht ist er vielmehr ein Teil von uns, den wir lange missverstanden haben. Ein Mitspieler, den wir erst richtig kennenlernen müssen.