Die Heim-WM steht vor der Türe: Ein anderer Blick auf die Causa Patrick Fischer

Ich habe bewusst ein paar Tage gewartet, bevor ich meine Gedanken zu dieser Situation teile. Die Emotionen waren sehr hoch, die Meinungen teils krass auseinander. Viele haben sich so schnell wie möglich auf eine Seite geschlagen, um in Diskussionen klar und deutlich Stellung beziehen zu können. Ich habe in meinem Umfeld ein starkes Schwarz-Weiss-Denken wahrgenommen.

In diesem Beitrag möchte ich dem etwas entgegenwirken. Nämlich einen Blickwinkel aufzeigen, der Zeit braucht. Einen Blickwinkel, der Themen wie Werte, Eigenverantwortung, Selbstreflexion und Kommunikation beinhaltet. Ich möchte nicht urteilen, sondern zum Nachdenken anregen.

Am Ursprung dieser öffentlichen Flut an Berichterstattung steht ein Reporter, der diese Information publik gemacht hat. Hier stellt sich für mich nicht die Frage, ob das richtig oder falsch ist. Vielmehr geht es um Werte. In einer Welt, in der wir uns oft stark über unseren Beruf definieren, stellt sich die Frage, ob wir Entscheidungen aus unserer Rolle heraus treffen oder aus unserer Haltung als Mensch.

Wenn ich vertrauliche Informationen erhalte, stellt sich für mich die Frage, was ich damit mache. Nicht nur aus beruflicher Sicht, sondern aus persönlicher. Möchte ich die Person sein, die diese Information veröffentlicht, mit allen möglichen Konsequenzen? Oder suche ich zuerst das Gespräch, versuche einzuordnen, abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen? Vielleicht wurde genau das gemacht, vielleicht auch nicht. Ich war nicht dabei. Aber allein diese Frage ist für mich zentral. Was ist heute ein Wort noch wert? Was bedeutet Vertrauen? Und wie gehen wir damit um, wenn wir in solchen Momenten die Wahl haben?

Der zweite Blick richtet sich auf Patrick Fischer. Auch hier geht es mir nicht um Verurteilung. Es geht um Selbstreflexion. Als Nationaltrainer verkörpert man Werte. Man steht für etwas. Und genau deshalb lohnt es sich, sich die Frage zu stellen, welche Werte man selbst lebt. Ehrlichkeit, Verantwortung und Leadership kommen mir da in den Sinn. Zum Thema Eigenverantwortung und Leadership habe ich bereits eigene Blogbeiträge geschrieben.

Ich glaube, viele können nachvollziehen, dass die Corona-Zeit sehr herausfordernd war. Es gab Druck, Erwartungen, Unsicherheiten. Und ja, wir alle sind Menschen und machen Fehler.

Gleichzeitig gibt es Beispiele im Sport, wo Athleten klar für ihre Werte eingestanden sind. Novak Djokovic hat während der Corona-Zeit öffentlich kommuniziert, dass er sich nicht impfen lassen möchte und die Konsequenzen bewusst in Kauf nimmt. Er verpasste grosse Turniere, möglicherweise Titel, und stand stark in der Kritik. Unabhängig davon, wie man zu seiner Haltung steht, zeigt es eines: Klarheit über die eigenen Werte und die Bereitschaft, dafür Verantwortung zu übernehmen.

Genau das ist für mich der spannende Punkt. Nicht die Entscheidung an sich, sondern der Umgang damit.

Ich kenne Patrick Fischer aus meiner eigenen Zeit im Eishockey. Ich habe mit ihm beim EV Zug gespielt. Er war schon damals ein Leader, mit Ausstrahlung und Präsenz. Ich habe grossen Respekt vor dem, was er für das Schweizer Eishockey geleistet hat. Die Entwicklung der Nationalmannschaft, die Identifikation im Land, der Zusammenhalt im Team. Das ist beeindruckend und alles andere als selbstverständlich.

Deshalb stellt sich für mich auch die Frage nach unserer Art der Wertschätzung. Wie schnell vergessen wir, was jemand über Jahre aufgebaut hat? Wie schnell reduzieren wir eine Person auf einen Fehler? Und wie stark sollten seine Verdienste unsere Kommunikation und unsere Entscheidungen beeinflussen? Viele haben von Patrick Fischer und den starken Leistungen seines Teams profitiert, oder etwa nicht?

Wir kommen damit zur Ebene der Verbände und des Systems rund um das Eishockey. Auch hier sehe ich keinen Schuldigen. Aber ich sehe eine Chance zur Reflexion. Kommunikation ist das Fundament jedes funktionierenden Systems. Je klarer Werte definiert und gelebt werden, desto stabiler wird das Ganze. Am Ende sitzen alle im selben Boot. Spieler, Trainer, Verbände, Medien und Sponsoren. Es geht um den Sport. Um Eishockey. Um etwas, das Menschen verbindet, begeistert und inspiriert.

Und genau deshalb frage ich mich, ob wir manchmal zu sehr in unseren eigenen Rollen denken. Zu sehr in unserem eigenen Vorteil. Und ob wir bereit sind, unsere eigenen Fehler ehrlich zu reflektieren und so die eigene Entwicklung voranzutreiben? Das hat mit dem eigenen Mindset zu tun.

Was wäre, wenn wir wieder mehr gemeinsam denken würden? Mehr miteinander sprechen. Mehr Verständnis füreinander aufbringen.

Wir leben in einem privilegierten Land, haben unglaubliche Möglichkeiten und ein starkes Fundament im Sport. Vielleicht liegt die grösste Chance genau darin, wieder näher zusammenzurücken, voneinander zu lernen und Verantwortung für sich selbst und für das Ganze zu übernehmen.

Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Im eigenen Land. Eine riesige Chance. Eine Bühne, die verbinden kann. Vielleicht geht es jetzt nicht darum, wer recht hat und wer nicht. Es geht darum, was wir daraus machen. Zusammenstehen. Lernen. Sich als einzelne Personen, aber auch als System WEITERENTWICKELN. Den Fokus wieder aufs Wesentliche richten. Auf das Eishockey.

Am Ende sollten alle Entscheidungen im Sinne des Sports getroffen werden. Im Sinne von etwas, das Menschen verbindet, begeistert und uns als Nation zusammenbringt. Mit dem gemeinsamen Ziel, geeint als Schweizer Eishockeynation an dieser Weltmeisterschaft im eigenen Land die Goldmedaille zu holen. Und wer in diesem Beitrag eine klare Pro- oder Contra-Meinung zu Patrick Fischer gesucht hat, findet sie hoffentlich nicht. Vielmehr Raum zur Reflexion. Denn am Ende gehören wir alle zum Team Schweiz.

Causa Patrick Fischer, Blogbeitrag
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