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Balance – das Missverständnis

Balance. Ein Begriff, den wir heute überall hören. Wir suchen die Balance zwischen Arbeit und Privatleben, zwischen Leistung und Erholung, zwischen Familie und Zeit für uns selbst. Im Sport versuchen wir, Leistungsdruck und Freude miteinander zu verbinden, im Beruf Erfolg und Wohlbefinden. Eigentlich suchen wir in fast allen Lebensbereichen nach irgendeiner Form von Balance.

Ich glaube allerdings, dass wir dabei häufig einem Missverständnis unterliegen. Denn Balance bedeutet für mich nicht, einen perfekten Zustand zu erreichen, in dem alles stimmt und wir uns immer gut fühlen. Ganz im Gegenteil: Balance bedeutet Bewegung.

Ich stelle mir dabei gerne einen Seiltänzer vor, der auf einem gespannten Seil zwischen zwei Felswänden unterwegs ist. In seinen Händen hält er eine Balancierstange und versucht, sicher auf die andere Seite zu gelangen. Wenn wir genau hinschauen, läuft dieser Mensch niemals einfach perfekt geradeaus. Sein Körper bewegt sich ständig ein bisschen nach links, wieder nach rechts, zurück zur Mitte und kurz darauf erneut auf die andere Seite. Genau diese Bewegungen sorgen dafür, dass er überhaupt in Balance bleibt.

Für mich funktioniert das Leben ziemlich ähnlich.

Es gibt Zeiten, in denen vieles funktioniert. Wir haben Erfolg, fühlen uns wohl, sind motiviert und haben das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben. Dann gibt es aber auch die andere Seite. Etwas funktioniert nicht wie geplant, wir erleben eine Niederlage, bekommen Kritik oder werden mit einer Situation konfrontiert, die wir vielleicht gar nicht beeinflussen können.

Unser gesellschaftliches Verständnis von Balance vermittelt uns aus meiner Sicht häufig, dass wir möglichst schnell wieder auf die positive Seite zurückmüssen. Wir möchten uns gut fühlen, erfolgreich sein und möglichst verhindern, dass es uns schlecht geht. Gerade bei jungen Menschen nehme ich dieses Bedürfnis stark wahr, aber eigentlich betrifft es uns alle.

Dabei vergessen wir manchmal etwas Entscheidendes: Wir sollten nicht nur lernen, uns wohlzufühlen, wenn alles gut läuft. Wir sollten lernen, mit uns selbst gut umgehen zu können, wenn es einmal nicht gut läuft.

Genau dort beginnt für mich echte Balance.

Natürlich dürfen wir uns mit den positiven Phasen beschäftigen. Wenn etwas funktioniert, sollten wir verstehen, warum es funktioniert. Was hat mir geholfen? Welche meiner Stärken konnte ich einsetzen? Wie habe ich gedacht und wie bin ich mit mir selbst umgegangen? Dieses Wissen hilft uns, unseren Zustand bewusst zu beeinflussen, anstatt einfach darauf zu hoffen, dass es uns gut geht.

Mindestens genauso wichtig ist jedoch die andere Seite. Wenn etwas nicht funktioniert, dürfen wir lernen, diesen Zustand anzunehmen. Nicht zu resignieren, sondern zu verstehen, dass gerade diese Phasen unglaublich wertvoll für unsere Entwicklung sein können. Herausforderungen zwingen uns dazu, genauer hinzuschauen. Wir lernen etwas über unsere Gedanken, unsere Emotionen, unsere Reaktionen und darüber, was wir brauchen, um wieder handlungsfähig zu werden.

Im Sport wird einem diese Realität schonungslos vor Augen geführt. Wer sich entwickeln und irgendwann seine beste Version erreichen möchte, wird um Herausforderungen nicht herumkommen. Niederlagen, Fehler, Druck oder Phasen, in denen die eigene Leistung nicht stimmt, gehören dazu. Ein Sportler muss lernen, diese Situationen anzunehmen, weil er sich sonst irgendwann selbst im Weg steht.

Genau deshalb bezeichne ich den Sport gerne als ein kleines Leben im Leben. In relativ kurzer Zeit erlebt man unglaublich viele Höhen und Tiefen und bekommt permanent Rückmeldungen zur eigenen Entwicklung. Im normalen Leben passieren dieselben Dinge meistens etwas langsamer. Dadurch besteht eher die Gefahr, einfach zu funktionieren, Motivation zu verlieren oder in ein Hamsterrad zu geraten, ohne überhaupt zu merken, dass die eigene Entwicklung stehen geblieben ist.

Ob im Sport, im Beruf, als Eltern oder in einer Beziehung: Wir befinden uns ständig in unterschiedlichen Rollen und Lebensphasen. Die Aufgabe bleibt für mich dieselbe – uns selbst besser kennenzulernen, Erfahrungen zu reflektieren und aus Herausforderungen etwas mitzunehmen.

Genau hier sehe ich auch meine Aufgabe als Mentalcoach. Ich möchte Menschen nicht erklären, wie ihr perfektes Leben aussehen soll, und mein Ziel ist auch nicht, dass sie mich dauerhaft brauchen. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Ich möchte ihnen helfen, sich irgendwann selbst coachen zu können.

Dazu gehört, die eigenen Gedanken und Reaktionen zu verstehen, die persönlichen Stärken zu kennen und Werkzeuge zu besitzen, mit denen man den eigenen Zustand bewusst beeinflussen kann. Manchmal bedeutet das, sich selbst zu pushen, manchmal bewusst einen Gang zurückzuschalten und vor allem zu erkennen, was man in der jeweiligen Situation gerade braucht.

Für mich ist genau das Balance.

Sie bedeutet nicht, permanent in der Mitte zu stehen oder immer glücklich, entspannt und erfolgreich zu sein. Balance bedeutet, mit den Bewegungen des Lebens umgehen zu können. Die guten Phasen bewusst wahrzunehmen und zu verstehen, aber auch dann nicht die Orientierung zu verlieren, wenn es einmal schwierig wird.

Genau dort entsteht Resilienz. Nicht indem wir verhindern, dass wir nach links oder rechts ausschlagen, sondern indem wir lernen, auf beiden Seiten mit uns selbst umzugehen und immer wieder unseren eigenen Weg zurückzufinden.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Balance als einen perfekten Zustand zu suchen. Ein Seiltänzer, der sich nicht mehr bewegt, bleibt schliesslich auch nicht lange auf dem Seil.

Balance bedeutet Bewegung. Und Bewegung bedeutet Entwicklung.

Seiltänzer als Symbol für Balance, Resilienz und persönliche Entwicklung
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