Warum wir nicht nur auf das Kind schauen sollten
In meiner Arbeit als Mentalcoach begleite ich immer häufiger Kinder und Jugendliche. Dabei begegnet mir auch das Thema ADHS regelmässig. Kinder, die kaum stillsitzen können, ständig einen neuen Reiz suchen, im Unterricht mit einem Stressball hantieren oder scheinbar permanent unter Strom stehen. Für Eltern und Lehrpersonen kann das sehr herausfordernd sein. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder eine ähnliche Ausgangslage: Das Kind hat ein Problem, das Kind hat ADHS, das Kind braucht Hilfe.
Ich verstehe diesen Gedanken. Dahinter steckt meistens der Wunsch, dem eigenen Kind zu helfen. Trotzdem glaube ich, dass wir uns manchmal zu schnell auf das Kind fokussieren. Denn ein Kind wächst nicht isoliert auf. Es lebt in einer Familie, erlebt Beziehungen, Erwartungen und Spannungen und nimmt dabei oft viel mehr wahr, als wir denken. Gerade sensible Kinder spüren genau, wenn Eltern gestresst sind oder Konflikte in der Luft liegen.
In Gesprächen mit Eltern erlebe ich immer wieder Situationen, in denen das Kind gestresst nach Hause kommt und kurze Zeit später ein Konflikt entsteht. Schnell folgt die Erklärung, dass das Kind wegen ADHS so reagiert. Wenn ich dann aber nachfrage, wie es den Eltern selbst kurz vor dieser Situation geht, verändert sich das Bild manchmal deutlich. Dann höre ich beispielsweise: «Eigentlich bin ich schon nervös, bevor mein Kind überhaupt nach Hause kommt, weil ich weiss, dass es wieder schwierig werden könnte.»
Plötzlich geht es nicht mehr nur um ein gestresstes Kind. Vielleicht treffen zwei Menschen aufeinander, die beide bereits angespannt sind und gegenseitig ihre Nervosität verstärken. Genau deshalb finde ich es wichtig, die gesamte Situation zu reflektieren. Wie gehen wir zu Hause mit Stress um? Wie sprechen die Eltern miteinander? Welche Stimmung herrscht in der Familie? Was leben wir unseren Kindern vor? Manchmal spiegeln Kinder ihren Eltern etwas, das diese selbst noch gar nicht bewusst wahrgenommen haben.
Diese Fragen können unangenehm sein, sind aus meiner Sicht aber unglaublich wertvoll. Denn wenn die Haltung nur lautet: «Mein Kind hat ein Problem, bitte hilf ihm», nehmen sich Erwachsene möglicherweise selbst ein Stück weit aus der Verantwortung. Natürlich kann ein Kind professionelle Unterstützung benötigen. Eine ADHS-Diagnose beschreibt reale Herausforderungen und kann helfen, passende Unterstützung zu finden. Gleichzeitig sollten wir aber nicht vergessen, dass auch das familiäre Umfeld einen grossen Einfluss darauf hat, wie ein Kind mit diesen Herausforderungen umgeht.
Für mich beginnt Entwicklung häufig mit Akzeptanz und Selbstreflexion. Bevor wir etwas verändern, sollten wir die Situation gemeinsam verstehen. Wenn ein Kind erkennt, weshalb ihm bestimmte Dinge schwerfallen, und sich dabei verstanden fühlt, kann es eher die Bereitschaft entwickeln, an seinen Herausforderungen zu arbeiten. Um neue Verhaltensmuster langfristig zu festigen, braucht es Geduld, Beharrlichkeit und die Unterstützung der Erwachsenen, insbesondere der Eltern.
Genau hier sehe ich eine spannende Parallele zum Mentaltraining. Wir trainieren nicht nur unseren Körper, sondern können auch lernen, bewusster mit unseren Gedanken und Emotionen umzugehen. Wir erkennen eigene Denkmuster, hinterfragen sie und üben, Gedanken auch einmal loszulassen. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. Es braucht Wiederholung, Geduld und Beharrlichkeit, bis sich neue Gewohnheiten entwickeln. Ähnlich ist es bei der Selbststeuerung von Kindern mit ADHS. Auch sie können mit geeigneter Unterstützung Strategien kennenlernen, üben und festigen, um mit ihrer Aufmerksamkeit, ihren Impulsen und ihrer Energie besser umzugehen.
Dabei möchte ich auch die wichtige Arbeit der Lehrpersonen hervorheben. In unseren Schulen wird bereits viel unternommen, um Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu unterstützen. Lehrpersonen nehmen Rücksicht, passen Aufgaben an, ermöglichen längere Pausen oder geben mehr Zeit für bestimmte Tätigkeiten. Neben Verständnis braucht es dabei auch Präsenz, Geduld und Beharrlichkeit, denn neue Verhaltensmuster entstehen durch wiederholtes Üben. Gleichzeitig können wir nicht erwarten, dass die Schule diese Verantwortung alleine trägt. Gerade zu Hause wird entscheidend mitgeprägt, wie Kinder mit Stress, Emotionen und Herausforderungen umgehen.
Besonders schön finde ich Situationen, in denen sich auch die Eltern aktiv auf diesen Entwicklungsprozess einlassen. Gerade bei Kindern mit ADHS sind klare Strukturen, Routinen und die konsequente Begleitung durch die Eltern besonders wichtig. Dazu gehört auch, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Gemeinsame Atemübungen, Meditation oder Gespräche über Stress können helfen, neue Verhaltensmuster zu entwickeln und zu festigen. So entsteht beim Kind nicht das Gefühl, alleine ein Problem lösen zu müssen, sondern die Haltung: «Wir versuchen gemeinsam zu verstehen, was hier passiert, und lernen, besser damit umzugehen.»
Trotzdem bleibt für mich die Eigenverantwortung zentral. Kinder und Jugendliche dürfen zunehmend lernen, ihre eigenen Herausforderungen zu erkennen und selbst aktiv zu werden. Das bedeutet nicht, alles alleine schaffen zu müssen. Es bedeutet vielmehr, sich mit den eigenen Voraussetzungen auseinanderzusetzen, Unterstützung anzunehmen und herauszufinden, welche Werkzeuge im Alltag helfen. Eine Diagnose sollte dabei nicht zur persönlichen Grenze werden. Aus «Ich habe ADHS» sollte nicht automatisch «Ich kann das nicht, weil ich ADHS habe» entstehen. Vielmehr möchte ich jungen Menschen vermitteln, dass sie gerade wegen ihrer Herausforderungen wachsen und sich weiterentwickeln können.
Besonders faszinierend finde ich Menschen mit ADHS, die heute sagen, dass sie ihre hohe Energie früher vor allem als Herausforderung erlebt haben und sie inzwischen teilweise sogar als Stärke oder «Superpower» wahrnehmen. Im Sport kann viel Bewegungsdrang beispielsweise in intensives Training und Begeisterung fliessen. Im Berufsleben kann ein ausgeprägter Tatendrang dazu beitragen, dass Menschen unglaublich viel bewegen und umsetzen. Natürlich trifft das nicht auf alle Menschen mit ADHS zu. Entscheidend ist für mich, dass sie ihre persönlichen Stärken kennenlernen und Wege finden, mit ihren Herausforderungen umzugehen.
Ich möchte mich mit diesem Thema in Zukunft noch intensiver beschäftigen. Mit Eltern sprechen, Lehrpersonen zuhören, mich mit Fachpersonen austauschen und vor allem auch von jungen Menschen lernen, die selbst mit ADHS leben. Denn ich glaube nicht, dass es die eine richtige Antwort gibt.
Was ich aus meiner bisherigen Arbeit aber klar mitnehme: Wir sollten vorsichtig sein, ein Kind zum Problem zu machen. Manchmal lohnt es sich, zuerst die gesamte Situation anzuschauen, zu reflektieren und anzunehmen, bevor wir versuchen, nur das Kind zu verändern. Dabei braucht es die Bereitschaft aller Beteiligten, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam an der Entwicklung zu arbeiten. Eine besondere Verantwortung tragen dabei die Eltern, denn sie prägen das Umfeld, in dem ein Kind aufwächst und sich entwickelt.
Suchen wir einfach eine schnelle Lösung für ein vermeintliches Problem? Oder schauen wir genauer hin, um zu verstehen, welche Faktoren eine Situation beeinflussen und was alle Beteiligten daraus lernen können?